Am Küchentisch

Selbst-Isolation? Quarantäne? Shelter in place? Social distancing? Distant socializing? Kontaktbeschränkungen? Lockdown? Ich nenne es: Leben am Küchentisch.

 

Die letzten Wochen waren einschneidend. Diese Pandemie hat meine Welt zugleich gedanklich größer und räumlich aber sehr viel kleiner gemacht: Mein Leben hat sich weitgehend an den Küchentisch verlagert, der mir als Atelier, Büro, Podcast-Studio, Bücherregal, Ausguck, Kaffeestübchen, Fundgrube und vor allem als Anker dient: Den Küchentisch habe ich von meinen Ur-Großeltern geerbt. Zwischenzeitlich war er bei meinen Großeltern als Werkbank im Keller in Gebrauch, die Spuren davon zieren ihn heute noch...

Ich glaube nicht, dass meine Ur-Großeltern erwartet hätten, dass dieser Küchentisch und seine Spuren darauf einmal für ihre Ur-Enkelin eine so zentrale Rolle in einer Pandemie spielen könnten. Wir haben uns noch nicht mal getroffen, meine Ur-Großeltern und ich: sie sind gestorben, bevor ich auf der Welt war.

Überhaupt: Niemand hätte sich vorstellen können, dass ich einmal so viel Zeit haben würde, mir diese ganzen Gedanken zu meinem KÜCHENTISCH zu machen! Und nicht nur zum Küchentisch. Auch sonst gehe ich mit neuen Augen durch meine Wohnung (und zumindest gedanklich durch die Welt). Schon am ersten Tag der "Selbst-Isolation" habe ich mit dem Kunstprojekt "I met..." begonnen - oder zu deutsch "Rate mal, wen ich getroffen habe..." (auf Instagram: #imetproject). Ich wollte nicht, dass andere sich Sorgen machen, dass ich nun wochenlang alleine in meiner Wohnung sitze. Ich wollte auch nicht, dass sich bei mir das Gefühl von Einsamkeit auch nur ansatzweise einnisten könnte. - Daher habe meinen Fokus täglich auf Dinge, Menschen (online), Gefühle und Sachverhalte gerichtet, die ich getroffen habe: Mal meine Eltern zum Skype-Kaffee, mal eine Künstler-Freundin aus Australien zum gemeinsamen Kunstschaffen via Zoom, mal eine Spinne in der Ecke, mal habe ich meinen Fluchtinstinkt getroffen (und ihm dann einen Namen gegeben), mal einfach die Sonne durchs Fenster.

Meine Angst vor Einsamkeit war unbegründet: Ich neige einfach nicht dazu. Ich habe viel zu gute Netzwerke und viel zu viele Ideen. Im Gegenteil: In der Ruhe alleine Zuhause bin ich so kreativ und so viel mit Menschen im - intensiven und wertvollen und selbstgewählten - Kontakt wie nie (und das macht mich sehr sehr dankbar und froh)!

Für den Monat Mai hat die britische Künstlerin und Fotografin Olivia Sprinkel auf Instagram zu einem täglichen Foto-Spaziergang aufgerufen - unter dem Motto "Mai an Ort und Stelle (#mayinplace)". Da wir bereits durch unsere jeweiligen Jahres-Projekte in Kontakt standen, habe ich mich gefreut, zusammen mit weiteren Künstler*innen aus aller Welt, den Mai über miteinander im Austausch zu sein. Wir entdecken gemeinsam unsere "Orte" - in Wort und Bild und im Gefühl der Gemeinschaft über (Selbst-Isolations-)Grenzen hinweg. Hier eine Auswahl der Bilder der ersten 10 Tage: